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Aktuelle Berichte

Zu Besuch auf Lesbos: Idomeni reloaded?

Aktuelle Bilder aus dem Moria Camp auf der Insel Lesbos erinnern an Idomeni.
Eineinhalb Jahre nach dem Abschluss der EU–Türkei-Vereinbarung versinkt die Insel Lesbos im Chaos.

Wäsche trocknet an Stacheldraht-Zäunen, Kinder laufen barfuß und weinend durch den Matsch und überall stehen kleine Campingzelte, in denen sich die Menschen nachts auf engstem Raum drängen. Bilder, die wir schon aus Idomeni kennen, einstmals als ‚Schandfleck Europas‘ bezeichnet.

Im Frühjahr 2016 lebten dort über 10.000 Menschen unter schlechtesten Bedingungen. Sie hatten Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und Schutz. Bilder wie die aus Idomeni wollte man innerhalb der EU nie wieder sehen. Menschen in Not wurden ihrer Rechte beraubt und mussten wochenlang in miserablen hygienischen Verhältnissen und ohne ausreichende Versorgung ausharren.

 

 

Es herrscht blankes Chaos

Doch genau diese Bilder sehe ich nun wieder, bei einem erneuten Besuch im Moria Camp auf der Insel Lesbos, das ich in den vergangenen Jahren schon einige Male besucht habe. Noch im Mai fanden Renovierungsarbeiten statt und zusätzliche Wohncontainer und Aktivitäten sollten eine einigermaßen aushaltbare Atmosphäre schaffen. Doch nun herrscht wieder das blanke Chaos. Über 6.000 Schutzsuchende halten sich innerhalb -  und nun auch außerhalb - des staatlich geführten Camps auf, in das nach offiziellen Angaben nur 2.400 Menschen passen.

Wie sehr sich die Lebenssituation der Menschen zuletzt verschlechtert hat, wird schon bei meiner Ankunft am Camp deutlich. Links und rechts der Straße liegt massenweise Müll. Wo noch im Sommer Fußball gespielt wurde und man ein improvisiertes Open Air Kino errichtet hatte, stehen plötzlich Zelte, in denen all jene leben, für die im Camp kein Platz mehr ist. Auch im Eingangsbereich steht nun Zelt an Zelt, die meisten davon auf einfachen Paletten, um sie vor dem Herbstregen zu schützen, der zuletzt weiten Teilen des Landes stark zugesetzt hatte.

Die Temperaturen sind deutlich gesunken und sobald die Sonne untergeht, spürt man, dass der Winter im Anmarsch ist. Wie es sich anfühlt, wenn man bei Temperaturen um die 5 Grad oder darunter in einem Zelt schlafen muss, dass nicht vor der Kälte schützt, kann ich mir kaum vorstellen. Ausreichend warm wird es sicherlich nicht werden.

Hygienische Zustände verschlechtern sich zusehends

Da auch die Stromversorgung des Camps ihre Grenze erreicht hat, können keine Heizungen aufgestellt werden. Doch die Gefahr besteht, dass die Menschen eigene Lösungen suchen werden, wenn nicht sofort geholfen wird. Im vergangenen Winter starben eine Frau und ihr kleines Enkelkind bei einem Brand, der durch einen Gasofen verursacht wurde. Drei Männer starben zudem an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung, hervorgerufen durch eine behelfsmäßige Heizung. Und schaut man sich nun um, so stellt sich nicht die Frage, ob ein weiteres Unglück geschieht, sondern vielmehr wann es passiert.

Warmes Wasser gibt es aktuell auch nicht und die hygienischen Verhältnisse verschlechtern sich zusehends. Das hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. An diesen Beispielen wird deutlich, dass das Camp seine Grenzen mittlerweile weit überschritten hat: Aktivitäten für die Geflohenen finden kaum noch statt, weil alle dafür vorhandenen Räumlichkeiten durch Zelte verstellt wurden oder bereits in Wohncontainer umgewandelt wurden.

Frauen und Kinder leiden besonders

Die medizinische Versorgung ist mittlerweile sehr schlecht und Medikamente kaum noch vorhanden. Darunter leiden vor allem Patienten mit chronischen Erkrankungen. Eine Krankenschwester berichtet mir, dass die Anzahl von Patienten mit psychosomatischen Symptomen stark gestiegen ist. Fälle von Selbstverletzungen, Gewalt, Depressionen und auch Suizidversuche sind die tragische Folge.

Unter der Situation leider vor allem Frauen und Kinder, deren Anzahl wieder deutlich größer geworden ist. Zuletzt kamen wieder vermehrt Familien aus Syrien und dem Irak in Griechenland an. Die Menschen in den vom sogenannten IS befreiten Gebieten hatten nach Monaten der Belagerung nun die Möglichkeit, ihre zerstörten Heimatorte zu verlassen. Vielfach stark traumatisiert von ihren Erlebnissen im Krieg müssen sie nun ein weiteres Trauma erleben, indem sie in unwürdigen Verhältnissen wochen- und monatelang ausharren müssen, bis sie eine Entscheidung über ihre Asylanträge erhalten.

Es geht schon lange nicht mehr darum, all diesen Menschen eine würdige Unterkunft zu bieten – dafür sind die Camps einfach zu sehr überfüllt und die Infrastruktur zu schlecht. Wenn man im nun beginnenden Winter weitere Tragödien vermeiden will und europäische Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Nächstenliebe ernst nimmt, so kann mittlerweile nur noch politischer Wille eine Lösung bringen. Es bedarf mehr europäischer Solidarität und gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, um ein zweites Idomeni zu verhindern und denen zu helfen, die in Europa Schutz vor Gewalt und Krieg suchen und doch nur Kälte und Hoffnungslosigkeit finden.

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