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Aktuelle Berichte

DR Kongo: Notlage drastisch verschlimmert

Guido Krauss, Leiters des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Goma.
Gewalt, Vertreibung, Flucht. Seit Jahren befindet sich die Demokratische Republik Kongo in einer permanenten Krise. Guido Krauss, Leiter des Länderbüros der Diakonie Katastrophenhilfe in Goma, über die aktuelle Situation und Nothilfe vor Ort.

Herr Krauss, immer mehr Menschen in der DR Kongo benötigen Humanitäre Hilfe. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein? 

Die DR Kongo ist ein Land, das sich seit vielen Jahren permanent in einer Krise befindet. Seit mehr als 20 Jahren gibt es in verschiedenen Regionen immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen.

In vielen der betroffenen Provinzen herrscht ein nicht endender Kreislauf von Konflikten, Flucht, Vertreibung und Rückkehr in die Armut. Vor allem in den letzten Monaten hat sich die humanitäre Lage im Land noch einmal drastisch verschlimmert. Die DR Kongo ist heute Schauplatz der größten Flüchtlingskrise weltweit. In 18 von 26 Provinzen leiden die Menschen an einer humanitären Notlage, mehr als 13 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe. Doch leider hat in der Vergangenheit das Interesse der internationalen Gemeinschaft an dieser langanhaltenden Krise abgenommen, dringend benötigte Finanzmittel wurden gekürzt.

Die Demokratische Republik Kongo gehört also zu den vergessenen Krisen?

Ganz genau. Vor wenigen Monaten haben die Vereinten Nationen die Krise in der DR Kongo auf den höchsten Level 3 angehoben. Dieser Level wird nur bei sehr komplexen und herausfordernden Krisen aktiviert. Weltweit sind derzeit nur Syrien, der Irak und der Jemen auf diesem Level. Bei einer Level 3-Katastrophe werden die humanitären Koordinierungsmechanismen verstärkt, aber auch mehr Finanzen mobilisiert. Wir hoffen, dass das Land dadurch wieder mehr Aufmerksamkeit von der Weltöffentlichkeit bekommt.

Wie kann die Diakonie Katastrophenhilfe in so einem Konfliktumfeld überhaupt arbeiten?

Wir als Büro der Diakonie Katastrophenhilfe vor Ort müssen uns oft auf die veränderte Lage im Land einstellen. Das geschieht in Absprache mit unseren lokalen Partnerorganisationen, mit denen wir gemeinsam die Projekte vor Ort umsetzen.

Wichtig ist uns auch die Koordinierung mit anderen internationalen und nationalen Akteuren vor Ort. Selbst mit unserem Partnernetzwerk können wir nicht überall arbeiten und Hilfe leisten. Momentan arbeiten wir in aktuellen Krisenherden wie z.B. Kasaï, aber auch in Regionen in denen es inzwischen keine anderen internationalen Organisationen mehr gibt, da sie keine Finanzierung mehr erhalten haben. Dazu gehört beispielsweise die Unterstützung von Familien mit unterernährten Kindern in Walikale in der Provinz Nord-Kivu.

Seit letztem Jahr sind Sie auch in der Provinz Kasaï-Central tätig. Von dort wurden 2017 mehr als eine Million Menschen vertrieben. Stimmt es, das dort kaum NGO´s vor Ort sind?

Kasaï ist einer der ganz aktuellen Krisenherde in der DR Kongo. Nach dem Ausbruch der gewaltsamen Unruhen hat es erst einmal gedauert, bis die humanitäre Unterstützung anlief. Denn bis dahin war der Kasaï eine friedliche Region. Nur wenige internationale und nationale Hilfsorganisationen haben in der Vergangenheit dort gearbeitet. Und wenn, dann vor allem in der Entwicklungszusammenarbeit, aber nicht in der humanitären Nothilfe.

Wie sieht die Arbeit der Diakonie Katastrophenhilfe in Kasaï aus, welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Die Region liegt mehr als 1.500 km von Goma, dem Standort unseres Büros, entfernt. Der Kasaï besteht aus mehreren Provinzen, mit einer Fläche ungefähr so groß wie Deutschland. Hier gibt es enorme logistische Herausforderungen zu meistern, der Großteil der Straßen ist gar nicht oder nur in den regenfreien Monaten befahrbar. In der ersten Jahreshälfte 2017 war die Region mit Ausnahme von ein paar Städten aus Sicherheitsgründen gar nicht erreichbar – das sind nur einige der Schwierigkeiten, die es zu bedenken gab. Im Spätsommer haben wir dann nach einer Bestandsaufnahme und mit Hilfe erfahrener Partnerorganisationen unser Pilotprojekt gestartet und inzwischen erfolgreich abgeschlossen: Wir haben 200 Familien geholfen, ihre zerstörten Häuser neu zu errichten und 16.000 Menschen mit  Lebensmitteln unterstützt. Außerdem haben dank unserer Hilfe mehr als 1.000 Familien wieder ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten aufnehmen können und eine neue Lebensgrundlage erhalten

Aber wir haben noch mehr getan: Ein weiterer Ansatz war, mit den Dorfgemeinschaften erste gemeinsame Schritte in der Bewältigung ihrer Konflikte zu gehen. Und da hat sich in den letzten Monaten viel getan! Als ich im Sommer im Projektgebiet unterwegs war, konnte ich die Spannung zwischen den Dörfern förmlich spüren. Die Verbindungswege waren leergefegt, niedergebrannte Ruinen säumten die Straßen als stumme Zeugen der Gewalt. Monate später sah ich, wie sich zwei Dorfvorsteher die Hand reichten und die Menschen wieder die Nachbardörfer besuchten. Jetzt sieht man neu errichtete Häuser als Zeichen des Neuanfangs. Das Leben ist zurückgekehrt – das war für uns ein gutes Gefühl und eine Bestärkung für die weitere Arbeit im Kasaï. Im Januar haben wir mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein weiteres Projekt gestartet, mit dem wir ebenfalls  einem Teil der Bevölkerung helfen wollen, den Konflikt zu überwinden und für sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen.

Wie entscheiden Sie, welche Hilfsmaßnahmen geleistet werden?

Das hängt jeweils von verschiedenen Faktoren ab. In welcher Region arbeiten wir? Was war der Auslöser für die Krise? Wie bestreiten die Menschen normalerweise ihre Lebensgrundlage? Welche Infrastruktur gibt es? Im Mittelpunkt steht dabei immer, mit den Betroffenen gemeinsam festzustellen, was die dringendsten Bedürfnisse sind. Danach analysieren wir, wie wir mit unseren Partnerorganisationen die bestmögliche Hilfe leisten können.

Eine weitere Rolle spielt dabei auch, welche Erfahrungen und Stärken die Partnerorganisationen  haben. Manchmal brauchen die Menschen vor allem sauberes Trinkwasser. Manchmal helfen wir mit Lebensmitteln, Haushaltsgegenständen oder Saatgut und landwirtschaftlichen Produktionsmitteln.

Wenn es die lokalen Märkte und die Infrastruktur zulassen, verteilen wir auch Bargeld, das die Begünstigten nach ihren Prioritäten verwenden können. Aber ganz egal in welcher Region wir arbeiten und welche Hilfe wir leisten – den Menschen ist es oft am wichtigsten zu sehen, dass sie in ihrer Notlage nicht vergessen sind.

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