Zu den Inhalten springen
Aktuelle Berichte

„Wir fordern würdevolle Lebensbedingungen“

Vera-Magdalena Voss leitet seit Ende 2017 das Syrien-Büro der Diakonie Katastrophenhilfe.
Am 12. März 2019 startet in Brüssel die dritte Konferenz zur Unterstützung der Zukunft Syriens und der Region. Vera-Magdalena Voss, Leiterin des Syrien-Büros der Diakonie Katastrophenhilfe, berichtet im Interview über Herausforderungen vor Ort und konkrete Erwartungen an die internationale Politik.

Frau Voss, was erwartet die Diakonie Katastrophenhilfe von der Brüssel-III-Konferenz?
Grundsätzlich geht es um drei Dinge: die Finanzierung der Hilfe für Syrien, die humanitäre Lage und den politischen Prozess. Was die Finanzierung betrifft, stellen wir eine entscheidende Forderung: Dass diese mindestens gleich hoch bleibt wie im vergangenen Jahr.

Wen sehen Sie hier in der Verantwortung?
Die Bundesregierung und die EU sollten ihre Mittel in Zukunft weiter aufstocken. Zudem sollten bislang eher zurückhaltende Geber mehr leisten. Gleichzeitig ist es aus unserer Sicht unabdinglich, die Finanzierung in den Anrainerstaaten nicht zu vernachlässigen. Bleibt diese wichtige Hilfe aus, sind die Geflüchteten in den Staaten rund um Syrien gezwungen, zurück nach Syrien zu gehen. Das darf nicht passieren.

Wo im Land kommen öffentliche Mittel bisher konkret an?
Bisher stehen der Zivilgesellschaft öffentliche Mittel der deutschen Bundesregierung fast ausschließlich für die extrem schwierige und gefährliche Arbeit in den nicht von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten zur Verfügung. Wir brauchen daher dringend finanzielle Unterstützung für unsere Hilfe in Zentralsyrien. Da muss es definitiv einen besseren Ausgleich geben.

Wir wünschen uns außerdem, dass die Rolle der Zivilgesellschaft und ihre Finanzierung weiter gestärkt werden. Auch syrische NGOs sollten mehr eingebunden werden. Dies ist zwar schon punktuell der Fall, muss aber noch viel konsequenter durchgesetzt werden. Wir sind gespannt, wie das auch im Abschluss-Statement der Brüssel-Konferenz festgeschrieben wird.

Welche Linie verfolgt die Konferenz in politischer Hinsicht?
Sie unterstützt im Großen und Ganzen den Prozess, der von den Vereinten Nationen geführt wird. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, in diesem Rahmen verstärkt darauf hinzuweisen, dass aktuell eine Rückkehr von syrischen Flüchtlingen in Sicherheit und Würde nicht möglich ist. Diese Linie darf auch nicht aufgeweicht werden. Wir fordern würdevolle Lebensbedingungen für die Menschen in Syrien. So lange dies nicht der Fall ist, kann niemand ernsthaft die Rückkehr von Flüchtlingen fordern.

Was muss dieses Jahr besser laufen als in den Vorjahren? Wo stellen Sie im Vorfeld der Konferenz bereits Verbesserungen fest?
Eine der wichtigsten Forderungen der letzten Konferenz war, dass die Zivilgesellschaft viel stärker eingebunden und deutlich besser gehört wird. Da haben wir im Gesamten das Gefühl, dass das in den letzten Monaten berücksichtigt wurde. Es gab einen sehr guten Vorbereitungsprozess mit vielen Beratungen an verschiedenen Orten rund um die Region – aber auch in Berlin, wo Akteure der humanitären Hilfe zusammenkamen. Sowohl wir als Diakonie Katastrophenhilfe als auch unsere Partner innerhalb der Region hatten die Möglichkeit, an diesem Konsultationsprozess teilzunehmen und ihre Meinung zu äußern. Es ist zwar so, dass die Pläne der finanziellen Geber für 2019 im Wesentlichen schon jetzt feststehen. Trotzdem konnten wir einige Punkte hervorheben und Aspekte betonen, die insbesondere für unsere syrischen Partnerorganisationen wichtig sind.

Was sind die aktuell drängendsten Probleme in Syrien?
Im Moment bereitet uns vor allem das Wetter große Sorgen. Wir haben in diesem Winter reichlich Regen und Schnee in der Region abbekommen. Das macht den Menschen zu schaffen. Familien leben bis heute in weiten Teilen der Region in unbefestigten Zeltlagern. Wir haben gesehen, wie diese Zeltlager stark beschädigt und teilweise weggeschwemmt wurden. In Verbindung mit den kalten Temperaturen in dieser Jahreszeit kann man sich in etwa vorstellen, was das für Menschen bedeutet, die ohnehin schon in einer sehr prekären Lebenssituation sind. Man darf nicht vergessen, dass über 80 Prozent der Menschen in Syrien in Armut leben.

Sie leiten seit Ende 2017 das Syrien-Büro der Diakonie Katastrophenhilfe. Was waren seitdem die größten Herausforderungen?
Wenn wir uns 2018 anschauen – da hatten wir drei große militärische Offensiven. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass sich die Situation in anderen Gebieten Syriens etwas stabilisiert hat. Diese Vielschichtigkeit der Geschehnisse in unterschiedlichen Teilen des Landes macht die Lage extrem divers. Deshalb ist es umso wichtiger, jeweils angemessen darauf zu reagieren und den Menschen so zu helfen, wie sie es brauchen. Das stellt eine der größten Herausforderungen unserer täglichen Arbeit dar.

Was glauben Sie wird in den nächsten Monaten das wichtigste Thema sein?
Wir befürchten neue Gewalt, sowohl in Nordwesten als auch in Nordosten Syriens. Dadurch wird es sicherlich erneut größere Fluchtbewegungen innerhalb des Landes geben. Das bedeutet: Menschen, die bereits innerhalb Syriens geflüchtet sind, werden zum wiederholten Male vertrieben. Humanitäre Hilfe wird in diesem Land wahrscheinlich noch sehr lange gebraucht.

Projekt: 

Bildergalerie: 

Regen macht den Familien, die in unbefestigten Zeltlagern leben, zu schaffen.
Durch die Überschwemmungen rutschten ganze Zelte einfach weg.

  • © 2019 Diakonie Katastrophenhilfe.
  • Tel.: 030 65211-0.
  • Kontakt.
  • Anfahrt.
  • .