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„Menschen fliehen nicht einfach so …“

Christian Huber, Referent für Humanitäre Hilfe und Humanitäres Völkerrecht.
Christian M. Huber ist Referent Humanitäre Hilfe und Humanitäres Völkerrecht. Er berät die Diakonie Katastrophenhilfe in Grundsatzangelegenheiten zu Humanitärer Hilfe und stellt die Verbindung zu Politik, Regierung und Verbänden sicher.

Herr Huber, warum verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat?

Menschen fliehen nicht einfach so, sondern immer vor großen Unsicherheiten, Perspektivlosigkeit oder vor ganz konkreten Bedrohungen. Und dann suchen sie zumeist Schutz und Perspektiven. Die Fluchtursachen sind dabei vielfältig und können politischer, ökonomischer, sozialer oder auch umweltbedingter Natur sein. Oft ist es ein Mix, denn in Kriegsgebieten wird die Zivilbevölkerung nicht nur selber direktes Ziel der Kampfhandlungen. Zugleich können sich die Menschen nicht mehr selbst versorgen und ernähren, wenn Infrastruktur, die Institutionen des Staates oder ihre Lebensgrundlagen langfristig zerstört sind.

Und was sind die konkreten Ursachen für die weltweiten Rekordzahlen an Flüchtlingen?

Dass derzeit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind, ist der großen Zahl an Krisenherden auf der Welt geschuldet. Uns in Europa ist es teilweise gar nicht recht bewusst, an wie vielen Orten unserer Erde Menschen nicht in Frieden und Sicherheit leben können. Oft schaff en es nur die Krisen in die Nachrichten, deren Auswirkungen wir direkt spüren – zum Beispiel die Kriege in Syrien, im Irak und in Afghanistan –, während vielen anderen das Vergessen droht. Hinzukommt, dass weniger als eine von 40 Flüchtlingskrisen innerhalb von drei Jahren gelöst werden kann. Zumeist dauert es Jahrzehnte, bis die Menschen in ihrer Heimat zurückkehren können, nicht selten bleiben sie für immer Vertriebene. Eine wichtige Ursache hierfür ist sicherlich das Unvermögen der politisch Verantwortlichen, Konflikte zu lösen und den Menschen damit wieder langfristige und umfassende Sicherheit zu bieten.

Wohin fliehen die Menschen?

Die meisten werden zu Binnenvertriebenen, das heißt, sie bleiben im selben Land und ziehen häufig aus ländlichen Regionen in die städtischen Zentren. Aber gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern ist die urbane Infrastruktur diesem massiven Zuzug von Menschen nicht gewachsen. Zugang zu Wasser, Nahrung, Wohnraum, Bildung und Gesundheitsvorsorge sind nicht ausreichend gewährleistet. Eine Integration in den geregelten Arbeitsmarkt ist sehr schwer, nicht nur weil relevante Gesetze und Möglichkeiten fehlen. Die staatlichen Institutionen sind oft überfordert und Ausbeutung und weitere Gewalt und Unsicherheit die Realität. Das alles hat natürlich erhebliche Auswirkungen auf die Gastgemeinden und -gesellschaften – und verschärft ohnehin vorhandene Probleme und Konflikte.

Wie ist die Situation für die Kinder?

Auf meinen Reisen habe ich erschütternde Bilder gesehen, die man nicht so schnell vergessen kann: Kinder als direkte Opfer von Gewalt oder Unterernährung, traumatisiert und konfrontiert mit der Hoff nungslosigkeit und der Angst der Eltern, Familien und Freunde. Viele sind allein und verlassen, andere sind gezwungen anstatt die Schule zu besuchen, niedrige und schlecht bezahlte Arbeit zu machen, um selbst überleben zu können oder um das Überleben der Familie zu sichern. Diese Kinder können sich nur schwerlich normal entwickeln, und ihnen fehlen Perspektiven.

Was brauchen die Flüchtlinge und Vertriebenen jetzt am dringendsten?

Zu allererst die lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung, Zugang zu Wasser und sichere Zufluchtsorte. Und wir müssen ihnen helfen, ihre Menschenwürde wiederzuerlangen. Flüchtlinge brauchen psychosoziale Betreuung, Mitgefühl und Verständnis für ihre Notlage. Zudem benötigen sie ein klares Bekenntnis zu ihren Rechten und den Ausbau dieser, wo es notwendig ist. Darüber hinaus müssen wir sie in die Lage versetzen, sich langfristig selbst wirtschaftliche Lebensgrundlagen aufzubauen, ihre Ausbildung und ihre Handlungsfähigkeit fördern. Parallel gilt es, die aufnehmenden Gemeinden und lokale und nationale Kapazitäten zu stärken, um eine noch bessere Unterstützung möglich zu machen. Ganz besonders gefragt ist aber die Politik: Nur sie kann die Konflikte als Fluchtursachen lösen und den Menschen wieder Sicherheit und langfristige Perspektiven geben. Deshalb arbeiten wir als Diakonie Katastrophenhilfe nicht nur im Bereich der Nothilfe, des Wiederaufbaus und der Katastrophenvorsorge, sondern auch an einem an den Menschen orientierten sinnvollen Dialog mit der Politik – alleine und gemeinsam in nationalen sowie internationalen Netzwerken.

Bildergalerie: 

Krieg, Vertreibung, Hunger – über 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

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