Zu den Inhalten springen
Aktuelle Berichte

"Somalia ist noch lange nicht über den Berg"

Martin Keßler ist Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe.
Martin Keßler ist Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe.
Martin Keßler ist Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Er war in Somalia und hat die Vertriebenen-Camps rund um Mogadishu besucht. Im Interview berichtet er von der Lage vor Ort und der Wirksamkeit der Hilfsmaßnahmen.

Herr Keßler, Sie sind gerade von einem Besuch in Somalia zurückgekehrt. Welchen Eindruck konnten Sie von den Menschen vor Ort gewinnen?

Ich habe die Projekte der Diakonie Katastrophenhilfe in den Vertriebenen-Camps rund um Mogadishu besucht. Dort kommen täglich neue Menschen an, vorwiegend Frauen und Kinder. Sie fliehen vor Hunger und Dürre aus ihren Heimatregionen, weil die Versorgungslage rund um die Hauptstadt besser ist. Aus Ästen, Stöcken, Tüchern und Planen bauen sie sich kleine Zelte, die einen notdürftigen Schutz gewähren. Man sieht die Zeichen des Hungers – allerdings nicht ganz so schlimm, wie ich es in 2011 erlebt habe.

Die Hoffnung der Menschen lag auf der Regenzeit im Frühling dieses Jahres. Doch die ist in vielen Landesteilen erneut unterdurchschnittlich ausgefallen. Was bedeutet das für die Menschen?

Das bedeutet ganz klar, dass die Nahrungsmittelproduktion schlechter ausfällt als erwartet und keine Entspannung der Lage in Sicht ist. Die internationale Reaktion war zwar immer noch viel zu langsam, aber immerhin besser als 2011. Dadurch konnte das Schlimmste verhindert werden. Die Hoffnung liegt jetzt auf den Regenfällen des Herbstes – genannt Deyr – die ab Oktober erwartet werden. Aber man darf nicht vergessen, dass die Not mit einer Zeitverzögerung kommt: Die Ernten sind eine Sache, aber ein Großteil der Bevölkerung lebt von der Viehzucht. Und eine Herde erholt sich nicht innerhalb weniger Monate.

Viele Menschen haben in den letzten Monaten ihre Lebensgrundlagen verloren. Ihre Tiere sind verendet, sie sind abhängig von humanitärer Hilfe. Welche Perspektiven haben diese Menschen?

Ein Viehhirte, der seine gesamt Herde verloren hat, kann nicht einfach neu anfangen – womit denn auch. Deshalb hat die Diakonie Katastrophenhilfe in den Camps von Mogadishu ein Projekt gestartet, das insbesondere ehemaligen Viehhirten hilft, sich eine neue Lebensgrundlage aufzubauen. In einem Berufsbildungszentrum bilden wir junge Männer zu Schreinern, Maurern oder Elektrikern aus. Jede Berufsgruppe ist in einem eigenen Zelt und Klassenraum untergebracht. Die Elektriker lernen beispielsweise, wie man einfache Stromkreise baut. Die Schreiner lernen den Umgang mit den wichtigsten Maschinen, wie beispielsweise Sägen und Fräsen, und stellen Türen und Schränke her.
Man muss wissen, dass es trotz der Not einen regelrechten Bauboom in Mogadishu gibt und Handwerker gebraucht werden. Die Stadt sieht besser aus, als noch vor ein paar Jahren, man sieht mehr Verkehr, mehr Handel. Deshalb vermitteln wir jungen Männern entsprechende Grundkenntnisse und Fertigkeiten, mit denen sie dann ein eigenes Einkommen für sich und ihre Familien erwirtschaften können.

Hunderttausende sind in den letzten Monaten in die Camps von Mogadishu geflohen. Wie sieht die Überlebenssicherung der Menschen dort aus?

Viele dieser Camps sind informell und werden von den Vertriebenen selbst geführt. Die Familien, die dort ankommen, haben meist Verwandte, die schon dort sind, oder eine Kontaktperson, wie beispielsweise einen Clan-Ältesten. Es gibt ein informelles Camp Management, das sich um die Versorgung von Neuankömmlingen kümmert und Kontakt zu NGOs hält. Ich habe viel Eigeninitiative und Selbsthilfe in den Camps beobachtet.

Zu unseren Hilfsmaßnahmen gehört auch, die Selbstorganisation der Menschen zu unterstützen. So helfen wir mit unseren Partnern bei der Gründung und Ausstattung von Komitees, etwa zur Errichtung und Instandhaltung von Latrinen und der Wasserversorgung. Wir führen Trainings durch, die die Menschen bei der Sicherung der Mindeststandards unterstützen. Dazu gehören zum Beispiel auch Grundkenntnisse in der Buchführung, um Hilfeleistungen von NGOs abzurechnen und entsprechende Bedarfe zu berechnen. Wir investieren aber auch in die Infrastruktur, beispielsweise beim Flutschutz, damit sich die Menschen vor künftigen Überschwemmungen schützen können.

Wie kommt die Hilfe bei den Bedürftigen an?

In unseren Bargeldhilfe-Projekten nutzen wir in Somalia beispielsweise die sogenannte „Red Rose Technologie“. Das ist ein webbasiertes System, das mit einer App für Android-Geräte arbeitet. Alle Datenerhebungen zur Auswahl der Begünstigten werden mittels einer weiteren App erfasst. Beim Identifizierungsprozess wird dann von jedem Begünstigten ein Fingerabdruck genommen und ebenfalls in der App hinterlegt. Die Händler, bei denen die Menschen dann Hilfsgüter wie Nahrungsmittel oder Hygieneartikel einkaufen können, verfügen alle über ein Lesegerät für Fingerabdrücke. Somit ist es nicht möglich, die Hilfsleistung an Dritte weiterzugeben. In anderen Projekten setzen wir beim Monitoring auch auf Haushaltsbesuche nach statistischen Methoden. Wir besuchen die Familien in ihren Zelten und verifizieren, ob und welche Hilfe angekommen ist.

Wie frei können die Partner der Diakonie Katastrophenhilfe arbeiten?

Die Mitarbeiter unserer Partnerorganisationen sind Somalis. Sie können sich im Land frei bewegen, müssen aber natürlich auch die zahlreichen Checkpoints passieren. Wir arbeiten derzeit nur in Gebieten, die nicht von der Al Shabab-Miliz besetzt sind, denn dort könnten wir nicht selbst überprüfen, was wir mit unserer Hilfe erreicht haben.

Hat Somalia die schlimmste Not überstanden?

Das lässt sich so noch nicht sagen. Zwar konnte die größte Katastrophe, also massenweise Hungertote, bisher vermieden werden. Doch die internationale Hilfe hat nur die Spitze des Eisbergs gekappt – während die Zahl der auf humanitäre Hilfe angewiesenen Menschen in Ostafrika immer weiter steigt. Die Bemühungen dürfen jetzt nicht aufhören. Somalia ist noch lange nicht über den Berg. Die Hilfe muss unbedingt weitergehen. Wenn es im Herbst wieder zu wenig regnet, befürchten wir, dass sich die Situation zum Jahreswechsel weiter zuspitzt. Ferner ist natürlich wichtig, den Menschen den Zugang zu humanitärer Hilfe zu ermöglichen und die Sicherheit der Helfer zu gewähren. Das ist in einigen Landesteilen Somalias immer noch nicht der Fall.

Projekt: 

Bildergalerie: 

Martin Keßler spricht mit Vertriebenen im Camp nahe der somalischen Hauptstadt Mogadishu.
Zeltstadt: Zum Schutz bauen sichdie Vertriebenen nordürftige Hütten aus Stöcken, Planen und Stoff.
Die Menschen, die hier Zuflucht suchen, haben alles verloren.
Die Diakonie Katastrophenhilfe hilft Geflohenen, sich eine neue Lebensgrundlage aufzubauen. Diese jungen Männer werden zu Schreinern ausgebildet.
In einem anderen Raum des Ausbildungszentrums erhalten diese jüngen Männer eine Elektriker-Ausbildung.
Martin Keßler besucht auch ein provisorisches Schulzelt im Lager. Unter der orangenen Plane lernen Jungs und Mädchen gemeinsam.
Die neunjährige Faisa trägt ihre Schulsachen nach Hause. Weniger als drei Prozent aller Kinder im Camp können eine Schule besuchen.
Die Kinder stammen aus besonders bedürftigen Familien. Ohne die Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe und ihrer Partner vor Ort hätten sie nie eine Schule besuchen können.

Somalia
Online spenden
Dauerhaft helfenFördermitglied werden
  • © 2017 Diakonie Katastrophenhilfe.
  • Tel.: 030 65211-0.
  • Kontakt.
  • Anfahrt.
  • .