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Aktuelle Berichte

Warum wir langfristige Hilfen für Syrien brauchen

Michael Frischmuth ist der Kontinentalleiter für Asien bei der Diakonie Katastrophenhilfe.
Heute ist der Auftakt der Syrien-Konferenz in Brüssel, bei der auch über weitere Finanzhilfen für die Region gesprochen wird. Im Interview erklärt Michael Frischmuth, Kontinentalleiter Asien bei der Diakonie Katastrophenhilfe, wieso es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur um Soforthilfe gehen darf.

Am 4. und 5. April treffen sich in Brüssel rund 70 Staaten und internationale Organisationen, um über „die Zukunft Syriens und der Region“ zu beraten. In Brüssel geht es zum einen um finanzielle Mittel für die humanitäre Hilfe in Syrien. Zum anderen soll auch die Situation in den Nachbarländern, in denen die meisten syrischen Flüchtlinge Schutz suchen, thematisiert werden. Die Konferenz in Brüssel ist die Nachfolgeveranstaltung der Geberkonferenz in London, die im Februar 2016 stattgefunden hat. Es soll geprüft werden, inwieweit die Regierungen seither ihre Finanzzusagen erfüllt haben und ob zusätzliche Mittel für Syrien und die Nachbarstaaten nötig sind. Doch ist mehr Geld tatsächlich das Mittel der Wahl? Zum Auftakt der Konferenz haben wir mit Michael Frischmuth, Kontinentalleiter Asien bei der Diakonie Katastrophenhilfe, gesprochen.

Herr Frischmuth, glauben Sie, dass die Hilfszusagen der Internationalen Gemeinschaft ausreichend sind?

Es ist natürlich grundsätzlich begrüßenswert, dass die internationale Gemeinschaft sich trifft, um über mehr Hilfe für Syrien zu sprechen. Eine Geberkonferenz scheint derzeit das einzige Vehikel zu sein, das im Zusammenhang mit Syrien erfolgversprechend ist – von den Genfer Friedensgesprächen kann man das ja leider nicht behaupten. Wir sprechen allerdings über extrem viele Menschen, die in Syrien und den Nachbarstaaten auf fremde Hilfe angewiesen sind. Um diesen Menschen zu helfen, reicht mehr Geld alleine sicher nicht aus. Aber es ist auf jeden Fall ein gutes Signal und  besser, als würde nichts passieren. Dennoch besteht auch in Brüssel die Gefahr, dass für einige Teilnehmer nicht die Not der Menschen, sondern ihre eigenen politischen Interessen im Vordergrund stehen. Die Frage, welche Gelder über welche Kanäle fließen, ist nicht nur eine humanitäre Frage, sondern für viele auch eine politische.

Sie sagen, mehr Geld alleine wird die Krise in Syrien nicht lösen. Was muss denn getan werden, damit die Menschen auch genug Hilfe bekommen?

Das ist in Syrien, wie auch in anderen Kriegs- und Krisengebieten, immer eine Frage des Zugangs. Kommen die Helfer tatsächlich zu den Menschen, die Hilfe brauchen? In Syrien ist das eine sehr schwierige Frage, die jeden Tag aufs Neue gestellt, verhandelt und beantwortet wird. Deutschland hat beispielsweise unabhängig von der Brüssel-Konferenz über das Auswärtige Amt seine Mittel für Syrien massiv aufgestockt. Fast alles fließt aber in Töpfe der Vereinten Nationen (UN). Die UN und ihre Partner, allen voran der syrische Halbmond, werden jedoch von vielen Konfliktparteien nicht als neutral angesehen und bekommen keinen Zugang. Auf die Verwendung der Gelder, die an die UN fließen, haben Geber kaum Einfluss und auch keine Möglichkeiten, zu überprüfen, was tatsächlich mit dem Geld gemacht wird. Das heißt, man kann große Zahlen nach außen kommunizieren, ohne auf die Inhalte der Hilfe eingehen zu müssen. Daher sollten sich viele Staaten, auch Deutschland, die Frage gefallen lassen, ob die UN wirklich der richtige Adressat für die vielen Millionen Hilfsgelder sind. Zugang zu den Menschen zu bekommen, ist extrem schwierig, aber Organisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe, die in Syrien mit lokalen Partnern arbeitet, haben dort häufig bessere Möglichkeiten als die UN. Unser syrischer Partner wird teilweise sogar von verschiedenen, sich gegenüber stehenden Konfliktparteien angefragt, die Hilfe nötig haben. Das Problem für ihn liegt weniger im  Zugang zu den Menschen, als vielmehr im Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen, um diese Hilfe auch kontinuierlich leisten zu können. Diese Kapazitäten auszubauen, ist komplizierter, als der UN hunderte Millionen zu überweisen. Aber es wäre der bessere Weg, um den Menschen in Syrien diese Hilfe auch zukommen lassen zu können.

Das Thema Nothilfe dominiert in Brüssel. Was fehlt Ihnen als humanitäre Hilfsorganisation?

In Brüssel wird das Thema Wiederaufbau leider ausgespart. Auch wenn es vielleicht zu früh ist, darüber auf internationaler Ebene zu sprechen, muss klar sein, dass auch in Syrien schon viel mehr möglich ist als reine Nothilfe. Es ist wahnsinnig wichtig und richtig, dass die Nachbarländer Syriens auch thematisiert werden sollen. Länder wie Jordanien und Libanon haben die allermeisten Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Hier soll es um Mittel für Bildungs- und Beschäftigungsinitiativen gehen. Ähnliches könnte man auch schon in vielen Teilen Syriens angehen, in denen schon seit Jahren keine Kampfhandlungen mehr stattfinden. In Syrien liegt die Wirtschaft am Boden, weder in der Industrie noch in der Landwirtschaft gibt es genügend Arbeit. Die wenigen Menschen, die noch Arbeit haben, verdienen aufgrund der hohen Inflation deutlich weniger als vor dem Krieg. Hier sind ökonomische Initiativen wichtig, damit die Menschen sich selbst wieder ein Einkommen erwirtschaften können und nicht mehr auf Hilfe von außen angewiesen sind. Die Diakonie Katastrophenhilfe passt derzeit die Strukturen für ihre Hilfe in Syrien bestmöglich an, damit wir neben der immer noch wichtigen Nothilfe auch einen Schritt weiter denken können: Einkommensschaffende Maßnahmen und Bildungsprogramme sind  für uns schon wichtige Bestandteile unserer Arbeit in Syriens Nachbarländern und sollen es auch in Syrien sein. Hierfür eröffnen wir bald ein Büro in Amman, um näher an Syrien zu sein. Außerdem wollen wir unser Partnernetzwerk ausbauen, um den Menschen noch effizienter helfen zu können. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn in Brüssel auch über mittel- bis langfristige Hilfe besprochen würde und nicht wieder nur über mehr Geld für die Soforthilfe.

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