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„Ziel ist, dass Kinder überhaupt zur Schule gehen“

Die Kinder lernen im orangenen Licht des Schulzeltes. Die temporären Lernstätten hat die Diakonie Katastrophenhilfe zusammen mit ihrer Partnerorganisation DBG errichtet.
Nach 25 Jahren Konflikt gibt es in Somalia kein Schulsystem mehr. In den Camps von Mogadischu erhält nicht einmal jedes zehnte Kind Schulbildung. Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt Kinder von Vertriebenen mit Bildungsgutscheinen. Gespräch mit dem Projektverantwortlichen Jürgen Feldmann.

Herr Feldmann, die Einschulungsrate in Somalia gehört zu den niedrigsten der Welt. Wie viele Kinder können an dem Bildungsprojekt teilnehmen?

Wir haben in den vergangenen Jahren zusammen mit unseren Partnern 30 sogenannte temporäre Lernstätten errichtet. Das sind keine festen Gebäude, sondern eine Art Schulzelte, die mit Bänken und Tafeln ausgestattet sind. Jede Lernstätte hat vier Klassenräume, pro Klassen haben wir etwa 24 Kinder. Unser Projekt unterstützt zurzeit 2.880 Kinder aus extrem armen Familien. Wir legen hier strenge Kriterien an, da wir mit den vorhandenen Kapazitäten ohnehin niemals alle Kinder versorgen können. Allein in den Lagern gibt es 45.000 bis 50.000 Kinder im Schulalter! Sie gehen nicht zur Schule, weil die Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen können oder die Schulen zu weit entfernt liegen.

Wie funktioniert das Projekt?

In den meisten Schulprojekten werden Schulen mit Ausstattung, Lehrmaterial und Büchern unterstützt. Doch damit hilft man vor allem der Schule und erreicht nur die Kinder, deren Eltern die Gebühren zahlen können. Unser Ziel ist es aber, dass  auch die Kinder der Binnenvertriebenen eine Schulbildung erhalten. Das sind oft Familien mit alleinerziehenden Müttern, Haushalte mit schwangeren Frauen, älteren Familienmitgliedern oder vielen Kindern. Wir sprechen von Haushalten, weil es sich hier häufig um keine homogenen Familien handelt. Oftmals unterhalten Familien weitere Personen, wie zum Beispiel Waisenkinder, oder solche, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden. Ihnen wollen wir ermöglichen, zur Schule zu gehen. Deshalb funktioniert unser Projekt anders: Die Lernstätten werden von einem Lehrer-Kollektiv betrieben. Jedes Kollektiv betreibt seine Lernstätte wie ein Kleiunternehmen. Dabei sind die Lehrer selbst Vertriebene, die auch vor ihrer Flucht in diesem Beruf gearbeitet haben und eine gewisse Qualifikation mitbringen. Mit den Lernstätten erzielen sie ein Einkommen von etwa 100 Dollar pro Monat, was knapp am Existenzminimum liegt. Die begünstigten Kinder erhalten von uns Voucher, also Bildungsgutscheine, die sie zur Teilnahme am Unterricht berechtigen. Die Lehrer tauschen dann die Voucher gegen ihr Gehalt ein.      

Gehen die begünstigten Kinder dann mehrere Jahre zur Schule?

Wir arbeiten in der Nothilfe und haben kein geregeltes Umfeld, wie etwa in einem Entwicklungsprojekt. Unser allererstes Ziel lautet also, dass Kinder überhaupt zur Schule gehen, und nicht gänzlich vom Bildungssystem ausgeschlossen sind, weil sie ihre Ursprungsregion verlassen mussten. Aber natürlich ist auch unser Ziel, dass die Ausbildung, die sie erhalten, gewissen Standards entspricht. Das ist schwierig vor dem Hintergrund, dass nach fast 25 Jahren Konflikt eigentlich kein Schulsystem mehr existiert. Die neue Regierung ist dabei, das System wiederaufzubauen und wir stehen im Austausch mit dem Bildungsministerium. Hier geht es etwa auch um Zeugnisse, die die Kinder in die nächste Klasse versetzen: Nehmen wir an, eine Familie ist aus dem Umland nach Mogadischu geflohen. Wenn sich die Situation in ihrer Heimat verbessert hat, geht die Familie dorthin zurück. Da ist es möglich, dass ein Kind ein paar Wochen in eine temporäre Schule geht, und dann mit der Familie wieder zurückkehrt. Wenn es dort eine Schule gibt, muss das Kind zeigen, dass es während seiner Flucht ebenfalls zur Schule gegangen ist. Im Moment gibt es dafür noch kein Instrumentarium. Wir wollen für diese Kinder eine möglichst lückenlose Schulbildung.

Sie sagen, 45 bis 50.000 Kinder in den Camps bräuchten Schulbildung. Ist das Projekt der Diakonie Katastrophenhilfe das einzige seiner Art?

Nicht mehr, unser Ansatz wird jetzt auch von anderen Organisationen aufgegriffen und umgesetzt, und auch die Europäische Union fördert Bildungsprojekte. Aber der Bedarf ist enorm. Unsere Erhebungen zeigen, dass die Einschulungsrate in Mogadischu bei 19 Prozent liegt. Der Landesdurchschnitt liegt bei 40 Prozent, allerdings werden hier auch Koranschulen mitgezählt, die nicht alle Fächer unterrichten, die später für einen Beruf wichtig sind. Wenn man sich ansieht, wie viele Kinder von Vertriebenen wirklich Zugang zu formaler Bildung haben, dann sind das plötzlich nur noch 8 Prozent. Diese wohnen meist in der Nähe permanenter Schulen und haben Eltern, die die Schulgebühren zahlen können. Das ist nicht mal jedes zehnte Kind.

Was bedeutet das für diese Generation Kinder?

Die Kinder, die momentan in unsere Schulstätten gehen, sind zwischen 6 und 12 Jahre alt. In Wahrheit gibt es aber seit 25 Jahren keine Schulbildung mehr in Somalia! Nur noch 20 Prozent der offiziellen Schulen sind geöffnet, teilweise betreiben sie Unterricht mit Lehrmaterial, das noch aus der Zeit vor der Krise stammt, also von vor 1992. Schätzungsweise 60 bis 70 Prozent aller Kinder jeder Generation seit 1992 waren vom Unterricht ausgeschlossen. Wenn Sie heute durch eine Stadt in Somalia gehen und junge Menschen sehen, können Sie davon ausgehen, dass sieben von zehn keine formale Bildung erfahren hat. Der Rest hat nur eingeschränkte Bildung. Wer wirklich gut ausgebildet wurde, hat seine Schulbildung im Ausland erfahren, zumeist in Äthiopien, Kenia oder in Indien.

Gibt es Bestrebungen, die Schulprojekte noch auszuweiten?

Wir haben die Grenzen unserer Kapazität erreicht. Natürlich werden wir uns um die Weiterfinanzierung bemühen. Das Projekt auf beispielsweise 6.000 Kinder auszuweiten, würde bedeuten, dass wir den Kindern auch im Folgejahr einen Platz garantieren wollen. Das ist schwierig – und damit nicht nachhaltig. Wir versuchen allerdings, das Projekt bekannt zu machen, damit dieser Ansatz von weiteren Organisationen übernommen wird und insgesamt mehr Finanzierung zur Verfügung steht.

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