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Aktuelle Berichte

Für die Vertriebenen möchte keiner zuständig sein

Dr. h.c. Cornelia Füllkrug-Weitzel ist Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe.
Cornelia Füllkrug-Weitzel besuchte mit einer Gruppe kirchlicher Vertreter im August den Norden Nigerias. Sie berichtet von der schwierigen Lage der intern Vertriebenen, politischem Versagen und von Lawrence (13), dessen sehnlichster Zukunftswunsch "ein Hühnerbein" ist.

Sein Dorf im Bundesstaat Borno wurde vor dreieinhalb Jahren von Boko Haram niedergebrannt. Lawrence konnte mit Mutter und Geschwistern fliehen. Sein Vater wurde ermordet. Seitdem ist er ein Flüchtling im eigenen Land, ein sogenannter intern Vertriebener – einer von etwa zwei Millionen in Nigeria.

Ein Hühnerbein als größter Traum

Seitdem haben seine Mutter und seine Geschwister kein Hühnchen mehr auf dem Teller gehabt, dabei ist Huhn in Nigeria Nationalgericht – quasi die Leib- und Magenspeise. Wenn sie überhaupt etwas für ihre hungrigen Mägen bekommen, dann maximal einmal am Tag etwas Reis oder Maismehlbrei. Falls Lawrence‘ ältere Schwester so etwas organisieren kann. Aber oft haben sie gar nichts und das sieht man ihm an: Er ist zu klein, zu mager, zu krank.

Auf welche Art sich seine Schwester um das Essen kümmert, erzählt sie nicht. Aber fest steht: Außer ihren Körpern haben die Flüchtlinge wenig zu verkaufen, denn sie sind vollkommen mittellos. Nur eine sehr kleine lokale NGO kümmert sich um alternative Einkommensmöglichkeiten, indem sie den Frauen und Mädchen beibringt, wie man Haare flicht oder die Kopfbedeckungen der Frauen festlich  steckt – kleine Dienstleistungen, für die man kein Investitionskapital braucht. Denn viele Mittel stehen der lokalen NGO, die sich für die Vertriebenen engagiert, nicht zur Verfügung.

Die Not der Frauen und Mädchen wird von vielen ausgenutzt

Faktisch sind es aber fast nur lokale Organisationen und Kirchen, die diesen Menschen helfen, weil sie so verstreut und darum schwer auffindbar sind. Mit den wenigen Mitteln leisten sie großartige Arbeit und setzen sich bis an den Rand des eigenen Zusammenbruchs für die Vertriebenen ein. Manche Organisationen, die in die Camps kommen, geben sich dagegen nur als Helfer aus. Sie entlocken gutgläubigen Müttern ihre Kinder – angeblich, um sie in Internate zu bringen und dort für ihre Zukunft zu sorgen. Einige Mütter aus Lawrence‘ Community haben ihnen ihre Kinder mitgegeben – und hören nie wieder von ihnen. Verbleib: unbekannt. Damit Lawrence an sein Hühnchen kommt, müssten mehr Familienmitglieder den Rest ihrer körperlichen Unversehrtheit und Würde opfern: Männer genug treiben sich in der Nähe solcher Camps herum, um „ein Schnäppchen“ zu machen. Besonders die Sicherheitskräfte wissen von der absolut verzweifelten Situation der Frauen und Mädchen zu profitieren.

Vergessene Krisen: Nigeria hat mehr Probleme als nur Boko-Haram

Oder es müssten mehr Spenden fließen, die an lokale Hilfsorganisationen und Kirchen weiter geleitet werden, die sich vor Ort auskennen – so wie die Diakonie Katastrophenhilfe es tut. Aber die Konflikte in Nigeria sind selten in unseren Medien und finden auch weltweit zu wenig Beachtung, um Spenden zu generieren. Da hat die Propaganda der nigerianischen Regierung ganze Arbeit geleistet: Die Welt hält das Boko-Haram-Problem und damit den Finanzierungsbedarf für weitgehend gelöst. Von den anderen Konflikten, beispielsweise dem zwischen dem Hirtenvolk der Fulani und den Bauern, vor dem die meisten Vertriebenen in Lawrence‘ Umfeld geflohen sind, weiß sie gar nichts. Das liegt im Interesse der Regierung, denn die möchte keine Negativschlagzeilen – das könnte die internationale Investitionsbereitschaft und den Tourismus schädigen in Afrikas  bevölkerungsreichstem Land. Darum schädigt sie lieber die internationale Hilfsbereitschaft.

Die Regierung weigert sich, Verantwortung für die intern Vertriebenen zu übernehmen

Lawrence und seine Familie möchten lieber heute als morgen in ihr Dorf zurück – wie alle Vertriebenen, mit denen ich während meiner Reise im Nordosten Nigerias sprach. Und da möchte auch der Gouverneur des Bundeslandes Plateau ihn und seinesgleichen am liebsten so schnell wie möglich sehen. Er versucht, sich der Verantwortung für die Zehntausenden Vertriebenen, die sich auf seinem Territorium befinden, so schnell wie möglich zu entledigen. Obwohl er diese Verantwortung sowieso kaum an- und wahrgenommen hat. Im Gegenteil: Weil sie nicht seine Landeskinder seien, habe er nichts mit ihnen zu tun, äußerte er uns gegenüber freimütig. Und weil Lawrence nicht in einem von der Regierung kontrollierten oder koordinierten Camp gelandet ist, hat er schon gar nichts mit ihm zu tun. Denn nur für diese Flüchtlinge im eigenen Land hat sich die Regierung Nigerias für zuständig erklärt. Und auch nur für sie dürfen UN-Organisationen Hilfe leisten.

15 Menschen auf  zehn Quadratmetern

98 Prozent der zwei Millionen intern Vertriebenen in Nigeria leben nach Auskunft des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR aber nicht in Regierungscamps. Zum einen, weil es davon viel zu wenige gibt. Zum anderen, weil jeder die Intimität von eigenen vier Wänden einem Leben im Flüchtlingscamp vorzieht. Wer kann, versucht, bei Verwandten oder Bekannten irgendwo im Land unterzukommen. Wer kein Geld hat, quer durchs Land zu ihnen zu reisen, oder noch auf die Wiedervereinigung mit dem Rest der Familie hofft, bevor sie gemeinsam auf die Reise, zum Beispiel zu Verwandten im Süden des Landes, gehen, sucht sich – meist mit anderen – leer stehende Gebäude als Unterkunft. Lawrence‘ Familie lebt mit 141 weiteren vertriebenen Familien in einer ehemaligen Ladenzeile. Er teilt sich die zehn Quadratmeter der eigenen „vier Wände“ mit 10 anderen Kindern, seiner Mutter und vier weiteren Frauen  –  eine besondere Form von „Intimität“…

Eine Schule hat Lawrence seit seiner Flucht nicht mehr besucht und die Worte „Krankenhaus“ oder „Gesundheitsdienste“ sind Fremdworte in dieser Flüchtlingsunterkunft. Soziale Sicherheit existiert für diese Menschen nicht: Sie sind Vergessene am Rand des Weltgeschehens.

Bildergalerie: 

Zu klein, zu dünn, zu krank. Dem 13-jährigen Lawrence sieht man die Mangelernährung und die Strapazen der Flucht an.
Notdürftig leben die Vertriebenen Familien im Nordosten Nigerias. Oft teilen sich mehrere Familien ein leerstehendes Haus. In diesem Zimmer lebt Lawrence mit seiner Familie.
Die Vertriebenen im Nordosten Nigerias haben keine Einkommensmöglichkeiten. Lokale Organisationen zeigen ihnen, wie sie festliche Frisuren machen, um mit dieser Diensteistung etwas verdienen zu können.

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